Wie alles begann …oder: „DIE FETTE GANS ALS ERSTER PREIS“

„Zur Versammlung waren die hiesigen Kraftrad- und Autobesitzer eingeladen. Der Einladung folgten 35 Herren. Nach einem Vortrag des Geschäftsführers des Gaues Südbayern des ADAC wurde zur Gründung des Motorsportclubs geschritten, welchem sofort 32 Mitglieder beitraten.“

So steht es im Original-Protokoll der Gründungsversammlung des MSC Pfaffenhofen vom 25. März 1927. Bemerkenswert ist vor allem, wie akribisch und ordentlich Anton Müller, der erste Schriftführer des Klubs, die damaligen Geschehnisse festhielt: Im Archiv des MSC befinden sich hunderte Dokumente aus der Anfangszeit des Vereins – allesamt mit der Schreibmaschine erstellt. Rechtsschreib- oder Tippfehler findet man darin kaum. „Die Wahl ergab folgende Vorstandschaft“, heißt es weiter: „Herr Alois Pedrotti (1. Vorsitzender), Herr Dr. Franz Netzer (2. Vorsitzender), Herr Georg Scheuermann (Sportleiter), Herr Anton Müller (Schriftführer), Herr Ernst Lechner (Schatzmeister) und Herr Xaver Stiglmayr (Beisitzer).“

 

Die Verantwortlichen waren sogleich bemüht, den neuen Verein mit Leben zu erfüllen, wenngleich  die Motorsportart, die den Verein später prägen sollte, im Jahre 1927 noch keine Rolle spielte: Die Sandbahnfahrer drehten noch fast ausschließlich auf der britischen Insel ihre Runden, so ging es in Pfaffenhofen zunächst weitaus gemächlicher Sache. Als „Einstandsgeschenk“ spendierten die Opel-Werke aus Rüsselsheim einen versilberten Pokal, wobei die Bedingungen, unter welchen er ausgefahren werden sollte, genau vorgegeben wurden: Es musste eine ca. dreißig Kilometer lange Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von dreißig Stundenkilometern, ohne Anhalten, ohne den Gebrauch einer Uhr und mit verklebtem Tachometer durchfahren werden – eine reine „Geschwindigkeitsschätzfahrt“ also. Wer die „ volle Stunde“ am genauesten traf, erhielt die Trophäe.

Die Zahl der motorisierten Gefährte im Straßenverkehr war ja noch recht überschaubar, ein Auto gar eine Attraktion. So verwundert es nicht, dass die Pfaffenhofener von solchen „Motorsport-Events“ begeistert waren und auch Anton Müller, seines Zeichens Brauereibesitzer, alles detailliert auf Papier dokumentierte. Unter anderem existiert ein Blatt vom 14. August 1927 über eine „Zielfahrt“ an den Tegernsee: Natürlich noch ganz ohne Stau benötigten die Besatzungen der acht teilnehmenden Fahrzeuge sage und schreibe fünfeinhalb Stunden um an den Ausflugsort in den bayerischen Bergen zu gelangen. Im Bericht ist von „erheblichen Unstimmigkeiten“ zwischen den Teilnehmern zu lesen, die aber „vorhersehbar“ gewesen wären, wie der Schriftführer anmerkte. Prompt erklärte Sportleiter Georg Scheuermann aus Verärgerung seinen Rücktritt, den er aber später wieder revidierte.

Beim Motorrad-Trial geht es bekanntlich nicht um Geschwindigkeit, sondern um Geschicklichkeit beim Befahren von Sektionen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Man höre und staune: Etwas Ähnliches gab es in Pfaffenhofen schon gegen Ende der 1920er-Jahre. Der „Tag des Motorsports“, der in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg oft zur Volksfestzeit durchgeführt wurde, war bei Jung und Alt beliebt. Höhepunkt hierbei: Eine Motorradgeschicklichkeitsfahrt durch einen Parcours, bestehend aus selbst gebauten Holz-Hindernissen. Eine Wertung erfolgte durch „Sammeln von Strafpunkten“, etwa für das „Auslassen von Streckenteilen“ oder für „Motorsterben.“

„Die Veranstaltung, in allen Teilen wohl vorbereitet und gut durchgeführt, nahm einen glänzenden Verlauf.“ Die Rede ist von einem ebensolchen Motorsporttag am 29. Mai 1930. „Die Anwesenheit seiner königlichen Hoheit, Prinz Alfons, gab dem Feste eine besondere Note“, heißt es im MSC-Protokoll weiter. In der Tat war ein solch hoher Besuch für die Pfaffenhofener etwas Besonderes. Der Prinz war als Teilnehmer einer „Zeitschätzungsfahrt“ von München zum Kloster Scheyern gekommen. „Dem Ehrengast wurde mit einer stattlichen Anzahl an Fahrzeugen entgegen gefahren. Danach geleitete man ihn bei einer imposanten Korso-Fahrt in die Stadt“, hielt Schriftführer Müller fest. Mit „größtem Interesse“ habe der General der Kavallerie am Nachmittag den Motorrad-Geschicklichkeitswettbewerb verfolgt. Beim anschließenden Festabend im Müllerkellersaal dankte er den Klub-Verantwortlichen und „versicherte sie, seiner Treue zum Motorsport.“

Das Sprichwort, mit den vielen Köchen, die ja bekanntlich den Brei verderben, war wohl auch in den 1930er-Jahren schon geläufig. Dr. Franz Netzer notierte die entsprechenden Worte im Zusammenhang mit einer „Ballon-Verfolgungsfahrt“ am 11. Oktober 1931. Etwas Neues wollte man wieder einmal ausprobieren, so fuhren die 14 Teilnehmer (in den Klassen Motorrad, Motorrad-Beiwagen und Autos) in die Nähe von Geisenfeld – im Gepäck: Drei Heißluftballons, die je mit einem Stück Hartgummi beheizt werden sollten. „Als man den ersten Ballon aufsteigen lassen wollte, wäre beinahe die Hülle in Brand geraten“, so steht es im Tagesbericht. „Die Sache war eben neuartig und jeder glaubte, seinen Senf drein geben zu müssen“, bemerkte der Protokollführer. Letztlich gelang es aber doch, alle drei Flugobjekte auf die „Reise“ zu schicken, wobei man sich in Sachen Reichweite aber doch etwas mehr vorgestellt hätte: „Höchstens drei Kilometer Luftlinie legte jeder Ballon zurück, um dann vom jeweiligen Sieger seiner Trophäe beraubt zu werden.“ Zuvor hätte sich aber so mancher „den Hals beinahe ausgedreht.“ Bei der obligatorischen Siegesfeier am Abend im Müllerbräu-Versammlungssaal, durften Hans Bergmeister, Adolf Stiglmayr sowie der Lagerhausverwalter Redelsberger ihre „schweren Gänse“, als erste Preise in Empfang nehmen.

Sie waren also experimentierfreudig, die „MSC´ler“. Das zeigt auch eine Nachtorientierungsfahrt, die nur wenige Wochen später durchgeführt wurde. Bemerkenswert ist schon allein die Kostenaufstellung für diesen Wettbewerb von 07. November des Jahres 1931: Insgesamt 32,48 Reichsmark wurden für die Musik, Batterien, Landkarten, zwei Enten, drei Gänse und zwei Hasen aufgewendet. „Es ratterte und knatterte straßauf und straßab. Gespenstisch warfen die Lichtkegel der Fahrzeuge ihre strahlende Helle in die rabenschwarze Nacht“, so beschrieb der Redakteur der Ilmgauzeitung das Szenario. So mancher Eiheimische hätte ob der Aufruhr wohl gedacht, die „Hitlerianer“ würden schon wieder eine Nachtübung abhalten. Dabei hatte die Veranstaltung einen friedlichen, aber dennoch ernsthaften Hintergrund: Alles drehte sich um den fiktiven Brand eines Bauernhofes bei Sünzhausen. „Wen müssen Sie, in welcher Reihenfolge verständigen?“ So in etwa lautete die Aufgabe für die 18 Teilnehmer. Die „Gendarmerie“, die Feuerwehr, der abwesende Hofbesitzer, der Nachbarhof sowie der Bürgermeister – alle diese Stellen sollten in der idealen Reihenfolge mit den Kraftfahrzeugen abgefahren werden, denn:

„Der Mensch bedarf des Menschen, der Nachbar braucht den Nachbarn und die Öffentlichkeit braucht den Kraftfahrer“, so ist es der damaligen Zeitung zu entnehmen.